Gaza und Israel – Über Verantwortung, Erkenntnis und die Grenzen einfacher Urteile

Gaza und Israel – Über Verantwortung, Erkenntnis und die Grenzen einfacher Urteile

 

Wer über Gaza und Israel schreibt, steht sofort unter Verdacht: zu einseitig, zu weich, zu hart, zu naiv. Das ist kein Zufall. Kaum ein Konflikt ist so stark von moralischer Überladung, ideologischer Vorprägung und emotionaler Verkürzung geprägt. Gerade deshalb braucht er erkenntnistheoretische Präzision – also die saubere Trennung von Fakten, Bewertungen, Verantwortlichkeiten und politischen Interessen.

1. Staatlichkeit, Legitimität und asymmetrische Akteure

Israel ist ein demokratischer Staat. Regierungen entstehen durch Wahlen, Entscheidungen unterliegen parlamentarischer Kontrolle und gerichtlicher Überprüfung. Das ist kein moralischer Freibrief, aber ein relevanter Unterschied. Staatliches Handeln ist rechtlich bindbar, kritisierbar und prinzipiell korrigierbar.

Dem gegenüber steht die Hamas, eine nichtstaatliche, islamistische Terrororganisation ohne demokratische Legitimation. Sie ist weder der Bevölkerung Gazas rechenschaftspflichtig noch an rechtsstaatliche Mechanismen gebunden. Diese Asymmetrie ist keine Nebensache – sie ist erkenntnisrelevant.

2. Der 7. Oktober als kausaler Auslöser – nicht als historischer Beginn

Der Angriff der Hamas am 7. Oktober – Massaker, Entführungen, gezielte Gewalt gegen Zivilisten – war kein isoliertes Ereignis, sondern ein eskalierender Höhepunkt eines langen Konflikts. Dennoch ist er der unmittelbare Auslöser der aktuellen Katastrophe.

Hier ist Klarheit nötig: Die Hamas trägt die wesentliche Verantwortung dafür, dass die Bevölkerung Gazas in eine humanitäre Extremlage geraten ist. Wer einen solchen Angriff startet, weiß – oder nimmt billigend in Kauf –, welche Reaktion er provoziert. Moralisch wie politisch ist das nicht relativierbar.

3. Israels militärisches Vorgehen und die Grenze des Völkerrechts

Gleichzeitig gilt: Auch ein legitimer Staat verliert durch Legitimität nicht seine Pflichten. Das militärische Vorgehen Israels in Gaza ist völkerrechtlich hochproblematisch. Die humanitäre Lage der Zivilbevölkerung ist katastrophal – und dafür trägt Israel Mitverantwortung.

Erkenntnistheoretisch entscheidend ist hier die Trennung von Erklärung und Rechtfertigung. Dass Israel militärisch reagiert, erklärt sich aus der Sicherheitslogik des Staates. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Form dieser Reaktion gerechtfertigt oder akzeptabel ist.

4. Innenpolitik, Machtinteressen und Verzerrung der Wahrnehmung

Hinzu kommen die innenpolitischen Verstrickungen rund um Benjamin Netanjahu. Korruptionsvorwürfe, Machtkämpfe und der Druck, politische Kontrolle zu sichern, sind kein Randthema. Sie schaffen Anreize, Härte zu demonstrieren, Eskalation zu verlängern und Kritik als Sicherheitsrisiko zu framen.

Das bedeutet nicht, dass militärische Entscheidungen ausschließlich aus Ablenkung getroffen werden. Aber es bedeutet, dass politische Eigeninteressen die öffentliche Wahrnehmung und Entscheidungsfindung verzerren können – und sehr wahrscheinlich auch tun.

5. Hamas-Strategie: Zivilisten als Schutzschilde

Ein zentraler, oft verdrängter Punkt: Die Hamas nutzt Krankenhäuser, Schulen und zivile Infrastruktur systematisch als paramilitärische Anlagen. Die bewusste Einbettung militärischer Strukturen in zivile Räume ist eine Strategie – und sie ist moralisch wie rechtlich inakzeptabel.

Damit instrumentalisiert die Hamas die eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde. Das ist kein Nebeneffekt, sondern Teil der Kriegsführung. Dennoch gilt auch hier: Dass ein Gegner Kriegsverbrechen begeht, entbindet nicht von der Pflicht, ziviles Leid so weit wie möglich zu minimieren.

6. Die unproduktive Logik der Schuldzuweisung

Die einfache Erkenntnis – und sie ist unerquicklich – lautet: Der Konflikt ist komplexer, als es politische Lager, soziale Medien und Aktivismus zulassen. Gegenseitige Totalzuweisungen von Schuld führen nicht zu Erkenntnis, sondern zu Verhärtung.

Erkenntnis beginnt dort, wo man Widersprüche aushält:

  • Hamas ist Hauptverursacher des aktuellen Leids – und dennoch nicht alleiniger Akteur.

  • Israel hat ein legitimes Sicherheitsinteresse – und handelt dennoch teilweise unverhältnismäßig.

  • Zivilisten sind Opfer – und werden zugleich strategisch missbraucht.

7. Perspektiven: Ohne politische Lösung keine Stabilität

Langfristige Stabilität ist ohne politische Struktur nicht denkbar. Die klassische Zwei-Staaten-Lösung wird von Israel faktisch abgelehnt. Ob sie realistisch war oder ist, ist zweitrangig – entscheidend ist: Ohne eine vergleichbare Lösung wird es für die Palästinenser keine echte staatliche Vertretung, keine Verantwortungsträger und keine Zukunftsperspektive geben.

Ein dauerhafter Ausnahmezustand produziert Radikalisierung. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine historische Konstante.

8. Wiederaufbau, Verantwortung und ein langer Weg

Ein möglicher Anfang läge im Wiederaufbau Gazas, verbunden mit klarer politischer Neuordnung. Ebenso notwendig wäre eine explizite Entschuldigung und Wiedergutmachung für die Verbrechen der Hamas – nicht als symbolischer Akt, sondern als Bruch mit ihrer Logik.

Kurzfristige Lösungen gibt es nicht. Versöhnung ist kein Event, sondern ein Prozess über Jahrzehnte. Entscheidend wird sein, ob die Bevölkerungen auf beiden Seiten stärker Einfluss auf ihre politischen Vertreter nehmen – statt sich weiter von ihnen instrumentalisieren zu lassen.

 

Schlussgedanke

Erkenntnis bedeutet hier nicht, eine „richtige Seite“ zu wählen. Erkenntnis bedeutet, die Realität so zu sehen, wie sie ist – auch wenn sie unbequem ist. Wer einfache Antworten sucht, wird diesen Konflikt nie verstehen. Wer ihn verstehen will, muss lernen, Komplexität auszuhalten. Genau dort beginnt Verantwortung.

 

Foto von Emad El Byed auf Unsplash

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